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Dynamik statt Loudness War - Die Psychoakustik

Musik lebt von Dynamik. Musik sollte atmen dürfen. Das ist bei den meisten Produktionen heutiger Zeit nicht mehr der Fall. Der Hintergrund liegt in der Psychoakustik. Der Mensch empfindet laute Musik als besser. Und mit laut ist in diesem Fall nicht allein die Lautstärke gemeint sondern die sogenannte Lautheit.

Lautstärke und Lautheit

Ist doch dasselbe. Nö! Das gleiche? Auch nicht.

Beide Begriffe klingen zunächst gleich, haben aber einen wichtigen Unterschied. Lautstärke ist die in Dezibel (Abk. dB) messbare Einheit von Schall, Lautheit dagegen ist die empfundene Lautstärke, abhängig von einigen Faktoren wie z.B. dem Frequenzbereich.

Dynamik

Laut und leise machts dynamisch

Als Dynamik oder Dynamikumfang bezeichnen wir das Verhältnis zwischen leisen und lauten Passagen in der Musik. Als Beispiel kann hier gut ein Orchester dienen, welches mit einer großen Anzahl an Instrumenten fähig ist, leise und laute Bereiche darzustellen.

Der Loudness War

In den letzten Jahrzehnten entwickelte sich ein Wettkampf nach dem Motto "je lauter, desto besser". Das Fatale dabei: Die Psychoakustik bestätigt das zunächst. Wir empfinden lautere Musik als besser. Ein großer Trugschluss, trotzdem entstand der Loudness War. So versuchten Produzenten durch Komprimierung und Verdichtung leise Teile der Musik genauso laut zu machen, wie die ohnehin schon lauten. Und zwar nicht als natürliche Sättigung, sondern so, dass die Musik bis aufs maximal mögliche verdichtet und aufgepumpt wurde. Solche Musik enthält keine lauten und leisen Teile mehr, die Dynamik ist komplett verschwunden. Übrig bleibt einzig und allein akustischer Schrott, ein flaches, lebloses Kreischen, da die Musik und ihr natürlicher dynamischer Klang schlicht und einfach abgetötet wird.

Dann kommt noch der Radiosender dazu, der natürlich auch der "beste" sein will. Also nochmal komprimieren und das Material durch Sendekompressoren noch weiter zerstören.

Paradebeispiele für kaputtkomprimierten Akustikschrott sind die Alben Death Magnetic von Metallica und Black Ice von AC/DC. Sobald man den Pegel nach oben fährt, hört man nur noch einen Brei aus beißendem und flachem Kreischen. Mit Musik hat das nichts mehr zu tun.

Das LUFS Modell (EBU Empfehlung 128)

Viele Rundfunkanstalten gehen der Empfehlung der European Broadcasting Union (EBU) bereits nach. Und auch große Musikplattformen wie Spotify, iTunes oder Youtube haben den Standard bereits implementiert. Das LUFS Modell regelt, grob erklärt, die Lautheit eines Tonwerks über seine Gesamtdauer. Es wird also nicht mehr der maximal mögliche Spitzenpegel als Referenz genommen sondern der Durchschnitt des Dynamikumfangs. Gemessen wird das Ganze mit speziellen Algorithmen und definiert wird es als Loudness Units (engl. Lautheits Einheit LU). Der sogenannte LUFS ist der relative Wert an der Lautheit zum Maximalpegel (Full Scale). Fertig ist das Regelwerk, um den Wahn zu beenden. Denn mit dem Loudness Units relative to Full Scale (LUFS) Modell bringt es Produzenten nichts mehr, ihr Material maximal aufzupumpen. Warum? Weil es bei Ausstrahlung bzw. Bereitstellung im Netz gnadenlos auf eienen bestimmten LUFS Wert herunter limitiert wird. Glücklicherweise gehen große Streamingplattformen wie Spotify mit gutem Beispiel voran und nutzen das LUFS Modell. Alles, was einen bestimmten LUFS Wert überschreitet, wird limitiert - Schluss mit dem Wahn!

Es tut sich was...

Seit einiger Zeit ist der Trend zu erkennen, dass Dynamik wieder wertgeschätzt wird. So kommt es tatsächlich vor, dass das Hauptziel nicht mehr maximale Lautheit ist. Der Trend ist im Mainstream eher noch nicht eingekehrt, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Und das LUFS Modell hilft immer mehr, dem Lautheitswahn ein Ende zu setzen...

Wir wünschen viel Spaß beim Musikhören. Und wenn Sie den Drang haben, leiser zu machen, wissen Sie jetzt, warum. "Lauter" ist eben nicht gleich besser.